Beim Anblick des Fördergerüsts und der umliegenden Gebäude auf Zollverein bricht meine Tochter in Entzückensschreie aus: „Oh, wie wunderschön!“ Ich realisiere: Wir waren zu lange nicht hier. Zu lange jedenfalls für das Erinnerungsvermögen einer fast Fünfjährigen. Der Siebenjährige erinnert sich noch gut: an das Mammut im Ruhr Museum, die Rätsel-Rallye am Maus-Tag, Musik und Lichtinstallationen zur Extraschicht. Und natürlich an die orangefarbene Rolltreppe hoch zum Besucherzentrum Ruhr, die meine Tochter mit einem beeindruckten „Oh, mein Gott!“ goutiert. Dabei hat die Führung, für die wir eigentlich hier sind, noch nicht einmal angefangen: eine Familienschicht in der Mitmachzeche. Konzipiert für Kinder zwischen fünf und 12 Jahren und ihre Familien.
Persönlich, entspannt und auf Augenhöhe
Nachdem wir unsere rerservierten Tickets abgeholt haben (unbedingt vorher online buchen, um Enttäuschungen vorzubeugen!), treffen wir auf der 24-Meter-Ebene der Kohlenwäsche auf den Rest der Gruppe sowie unsere Gästeführerin, die seit zwölf Jahren auf Zollverein als Guide arbeitet, und eine Guide-Anwärterin, die gerade hospitiert. Die Gästeführerin bietet uns das Du an und bestimmt damit gleich den Tenor der weiteren Führung: persönlich, entspannt und auf Augenhöhe, nicht nur mit uns Erwachsenen, sondern vor allem auch mit den Kindern.
Fakten, die zum Staunen bringen
Auf dem Weg zur eigentlichen Mitmachzeche, die sich in dem original erhaltenen historischen Wagenumlauf der Schachtanlage 1/2/8 von Zollverein befindet, erfahren wir bereits den einen oder anderen Fakt über den Kohleabbau – kurzweilig und eher in Quizform.
„Wie tief musste man denn überhaupt, um an die Kohle zu kommen?“ ist eine der Fragen. Mein größenwahnsinniger Sohn tippt auf zwei Kilometer und freut sich riesig, dass er nicht komplett daneben liegt. Hier auf Zollverein fuhren die Kumpel zwar „nur“ etwa einen Kilometer tief ein. In Ibbenbüren aber, wo eines der beiden letzten deutschen Steinkohlebergwerke 2018 stillgelegt wurde, baute man zuletzt in einer Tiefe von 1.545 Metern ab – Fakten, die selbst uns Erwachsene zum Staunen bringen. Zum Rätselraten gehört auch das Gespräch über die Verwendung des schwarzen Goldes. Kohleherd und -ofen dienen als Anschauungsobjekte, die die Kinder, aufgewachsen in Zeiten von Ceranfeldern und Fußbodenheizungen, erst einmal als solche erkennen müssen.
Mit Helm und Bergmannsjacke
Dann schlüpfen die kleinen Bergarbeiterinnen und Bergarbeiter so richtig in ihre Rollen. Mit Helmen und Bergmannsjacken ausgestattet dürfen sie testweise schweres Grubenwerkzeug heben. Im Team bilden sie die Seilscheibenkonstruktionen eines Fördergerüsts nach, bauen einen Stollen mit Holzbalken aus und erkunden den Weg der Kohle durchs Bergwerk anhand einer übergroßen Murmelbahn. Schnell werden sie zu einer Gruppe, arbeiten Hand in Hand, jede und jeder darf einmal den Hammer halten. Eine Ahnung von der Solidarität unter Tage schwappt zu uns Erwachsenen herüber, die bei Bedarf hier und da aushelfen.
Mein Sohn, der als Erstklässler nicht zu viel Enthusiasmus zeigen darf, verkündet zwischendurch betont lässig, die Aufgaben seien „babyeierleicht“, aber das Leuchten in seinen Augen spricht Bände. Die Enzückensrufe meiner Tochter sind nicht zu überhören. Die zwei Stunden vergehen wie im Flug. Als Familie lassen wir den Nachmittag noch auf dem Spielplatz rund um den Färbergarten ausklingen. Und ich weiß ganz sicher: An diesen Tag werden meine Kinder sich noch lange erinnern.