Ausgangspunkt der Ausstellung ist das UNESCO-Welterbe Zollverein selbst – eine Ikone der Industriearchitektur und der Moderne. Von hier aus spannt sie einen geografischen und historischen Bogen: von Nordrhein-Westfalen über weitere Regionen Deutschlands in die Schweiz, nach Indien, Brasilien und in die USA bis nach Asmara in Eritrea, einem der bedeutendsten Zentren afrikanischer Moderne und seit 2017 ebenfalls UNESCO-Welterbe.
In der Mischanlage der Kokerei Zollverein wird die Ausstellung räumlich differenziert inszeniert. Großformatige Fotografien stehen neben punktuellen, lichtbetonten Präsentationen. Kurze Textblöcke vermitteln Hintergründe zu Entstehung, Vernetzung und Bedeutung der gezeigten Bauten. So verbindet die Ausstellung visuelle Erfahrung mit Wissensvermittlung.
Moderne als gefährdetes kulturelles Erbe
Gezeigt werden sowohl bekannte Schlüsselwerke der Moderne als auch zahlreiche weniger bekannte, teils vom Verschwinden bedrohte Bauten: Kinos, Wohnhäuser, Villen, Tankstellen und Sonderbauten. Der Fokus liegt auf der Vielfalt moderner Architektur jenseits eines engen Bauhausbegriffs. Neben Werken von Bauhaus-Architekten wie Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe – dessen Bauten in Krefeld einen wichtigen regionalen Bezugspunkt bilden – werden internationale Positionen der Moderne sichtbar, darunter Arbeiten von Le Corbusier sowie Bauwerke in Tel Aviv und Asmara.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Moderne in Nordrhein-Westfalen, insbesondere in der Zeit der Weimarer Republik. Von hier aus öffnet sich der Blick auf die nationalen und internationalen Netzwerke dieser Epoche. Die Ausstellung versteht die Moderne als globales Phänomen, das sich lange vor der digitalen Vernetzung über Kontinente hinweg verbreitete und Antworten auf gesellschaftliche, technologische und urbane Herausforderungen formulierte. Zentral ist dabei der Blick auf die Moderne als gefährdetes kulturelles Erbe. Viele der gezeigten Bauwerke sind bereits verändert, bedroht oder verschwunden. Die Fotografie übernimmt hier eine dokumentarische Funktion: Sie bewahrt das Sichtbare und fungiert als „zweite Existenz“ der Architektur. So ist “bau1haus – die Moderne von Essen bis Asmara!” nicht nur ästhetische Präsentation, sondern auch Beitrag zur Archivierung und zum kulturellen Gedächtnis. Auf dem afrikanischen Kontinent tritt die Moderne vielfach als koloniales Erbe in Erscheinung. Seit seinen ersten Aufnahmen 2009 in Bujumbura (Burundi) arbeitet Jean Molitor eng mit lokalen Architekt:innen zusammen, um das Bewusstsein für diesen Teil der Baugeschichte zu stärken.
Ein Bestandteil des Programms ist der BauRaum in der Ausstellung, in dem mit unterschiedlichen Materialien eigene Häuser entworfen werden können – offen, experimentell und ohne Vorkenntnisse. Ergänzend finden regelmäßige Illustrationsworkshops unter dem Titel „Einfach Häuser malen“ statt, die einen niedrigschwelligen Einstieg ins Zeichnen von Architektur bieten. Für Familien werden Workshops zum Häuserbauen mit Holz angeboten, bei denen gemeinsames Planen und handwerkliches Arbeiten im Mittelpunkt stehen.
Jeden Samstag um 14:30 Uhr werden offene Führungen durch die Ausstellung angeboten. Besondere Termine mit dem Fotografen der Ausstellung sowie mit der Architekturhistorikerin Kaija Voss und eine Buchvorstellung mit ihr ergänzen das Programm.
Gleichzeitig ist Molitors Arbeit geprägt durch seine Ausbildung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, wo er bei Prof. Arno Fischer studierte. Seine fotografische Haltung verbindet damit die konzeptuelle Strenge der rheinischen Fotografie mit der sozial reflektierten Bildauffassung der Leipziger Schule. Aus diesem Spannungsfeld entsteht ein sachliches, zugleich jedoch zutiefst menschliches Bild der Architekturmoderne.
Ein besonderer Fokus seiner Arbeit liegt auf dem afrikanischen Kontinent, wo die Moderne häufig als koloniales Erbe sichtbar wird. Seit seinen ersten Aufnahmen in Bujumbura (Burundi) arbeitet Molitor eng mit lokalen Architektinnen und Architekten zusammen. In Asmara ist seine fotografische Arbeit Teil eines breiteren Diskurses über Erinnerungskultur, Verantwortung und den Umgang mit historischer Bausubstanz.
Das Projekt bau1haus ist zugleich Kunstprojekt und wissenschaftliche Recherche. Es ist frei finanziert, im Aufbau begriffen und langfristig als „work in progress“ angelegt. Die Sammlung ist in zahlreichen internationalen Ausstellungen gezeigt worden und wird kontinuierlich erweitert.
Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit dem Titel „Bauhaus in Nordrhein-Westfalen – Eine fotografische Reise durch die Klassische Moderne“ im Bebraverlag Berlin. Der Band widmet sich der Architektur der Moderne in Nordrhein-Westfalen und ergänzt die bereits erschienenen Publikationen der Reihe (Eine fotografische Weltreise, Bauhaus in Bayern, Bauhaus in Berlin).
Die Texte verfasst die Architekturhistorikerin Dr. Kaija Voss, die auch die wissenschaftliche Begleitung der Ausstellung übernimmt.
Bauhaus in Nordrhein-Westfalen
Eine fotografische Reise durch die klassische Moderne
Gebunden, 176 Seiten, 24 x 21 cm, ca. 100 farbige Duplex-Fotografien
ISBN 978-3-89809-277-7, 1. Auflage: 2. Juni 2026