Es ist ein sonniger Tag als sich Christoph Tesche und Horst Rudnik mit einem herzlichen Glückauf begrüßen. Der eine Vorstandsvorsitzende auf Zollverein, der andere ehemaliger Reviersteiger mit über 40 Jahren persönlicher Bergbaugeschichte, davon sieben Jahre auf Zollverein. Sie haben sich für eine private Tour über das Gelände verabredet – fernab von öffentlichen Führungen, dem Besuch im Museum und dem Spaziergang entlang der Ringpromenade. Ihre Ziele sind andere: Angesichts des Jubiläums „25 Jahre UNESCO-Welterbe Zollverein“ suchen sie Orte auf, die vielen Besucherinnen und Besuchern unbekannt sind. Bis jetzt zumindest.
Hoch hinaus
Treppenstufe reiht sich an Treppenstufe, dann öffnet sicheine Tür und die letzten Meter geht es an der frischen
Luft weiter nach oben. Der erste Stopp von Christoph Tesche und Horst Rudnik führt sie direkt auf das Doppelbock-Fördergerüst. „Den Doppelbock kennen ganz viele, wenn sie von unten nach oben schauen. Wir beide erleben den besonderen Moment, von oben nach unten blicken zu können“, sagt Tesche. Erbaut in den Jahren 1928 bis 1932 misst der Stahlriese 55 Meter in der Höhe, für sie geht es heute auf rund 50 Meter nach oben. Rudnik, der als Bergmann noch unter Tage eingefahren ist, hält sich sicher am Geländer fest. „Mit Tiefe habe ich kein Problem – mit Höhe schon“, schmunzelt er.
Sie stehen genau zwischen den Rädern, die sich im Februar 1932 bei der Inbetriebnahme der Schachtanlage XII das erste Mal drehten. Damals setzte sich damit auf Zollverein ein industrieller Hochleistungskomplex in Gang. Mit seinen weitgehend automatisierten Arbeitsabläufen galt das Bergwerk zu der Zeit als das größte und leistungsfähigste weltweit. Die endgültige Tiefe von Schacht XII lag bei rund tausend Metern. Davon ist hier oben nichts mehr zu spüren: Die Räder stehen still. Die Sonne im Gesicht.
Gemeinsam lassen der Vorstandsvorsitzende und der Gästeführer den Blick über das 100 Hektar große Areal schweifen – vom Panoramadach der Kohlenwäsche und die Schornsteine der Kokerei über den Förderturm und das Fördergerüst der Gründerschachtanlage 1/2/8 bis hin zu den Gebäuden im Stadtteil Katernberg. „Hat sich der Aufstieg gelohnt?“, fragt Christoph Tesche. „Die Aussicht ist wirklich hervorragend“, sagt Horst Rudnik. „Und es ist ein besonderes Privileg, hier oben zu stehen. Ich muss sofort daran denken, wie ich meine Ausbildung als Bergmann begonnen habe.“
Auf Lager
Noch mehr Erinnerungen werden bei dem ehemaligen Kumpel wach, als Christoph Tesche und Horst Rudnik das Depot auf der Schachtanlage XII betreten. Es dient als Lagerfl äche für historische und originale Gegenstände aus den Betriebszeiten der Zeche Zollverein. Durch die Mitte des Raumes zieht sich eine Transportkette, der man ihren schweren Einsatz ansieht. Schwarz und dick liegt das Fett auf den einzelnen Kettengliedern. Links wird die Wand von Regalen verdeckt. Grubenlampen stehen neben Messgeräten. Riesige Schrauben und Muttern liegen neben dreckigen Rohren. Originalteile wie diese werden bis heute aufbewahrt, um sie für Ausstellungen im Rahmen der Vermittlung zu nutzen oder um damit die historischen Anlagen bei Bedarf denkmalgerecht instandsetzen zu können.
„Du warst tatsächlich noch nie hier?“, Tesche schaut den ehemaligen Bergmann an. Rudnik schüttelt den Kopf und schaut sich um. „Und was denkst du, wenn du diese Objekte siehst?“ Die Augen von Rudnik beginnen zu leuchten: „Es ist sensationell. Das sind alles Materialien, die wirklich im Einsatz waren.“ Er grei nach den weißen Jacken auf einem Kleiderständer. „Was allein diese Kleidungsstücke für Geschichten erzählen können – da geht mir das Herz auf.“
Eng verbunden
Vom Depot aus verfolgen die beiden einen Weg, der Zeche und Kokerei nicht nur symbolisch miteinander verbindet. „Bandbrücken gibt es auf Zollverein viele“, erklärt Christoph Tesche. „Aber nur diese eine führt von der Zeche zur Kokerei.“ Über das Förderband in dieser rund 300 Meter langen Bandbrücke wurde die Kohle von der Zeche zum Wiegeturm auf der Kokerei transportiert. Dort wurde das „schwarze Gold“ gewogen, bevor es auf der Kokerei weiterverarbeitet wurde. Denn auch, wenn Zeche und Kokerei denselben Namen tragen – die Anlagen hatten verschiedene Betreiber. Gelieferte Kohle musste also genau erfasst und abgerechnet werden. Horst Rudnik legt die Hand an eine der alten Rollen, über die das Förderband lief. „Es riecht förmlich noch nach Arbeit“, stellt er fest und bringt die Rolle in Bewegung. Während der Ausstellung „Sonne, Mond und Sterne“ im Jahr 1999 konnten Gäste die Bandbrücke bis zum Wiegeturm nutzen, um dort mit einer Kettenbahn auf die oberste Ebene der Mischanlage auf der Kokerei zu fahren. Seit dem Ende der Schau ist es hier deutlich ruhiger geworden. Rudnik lässt die Rolle auslaufen, dann geht es weiter.
Echt heiß
Über 1.000 Grad Celsius waren nötig, um Kohle zu Koks zu veredeln. Bis zu ihrer Stilllegung im Jahr 1993 waren auf der Kokerei Zollverein 304 Öfen aktiv, verteilt auf neun sogenannte Koksofenbatterien bei einer Gesamtlänge von rund 600 Metern. Mitten in einer dieser Batterien stehen Christoph Tesche und Horst Rudnik nun auf einem schwarzen Steg aus Stahl. „Noch liegt dieser Ort im Verborgenen“, sagt der Vorstandsvorsitzende. „Aber nicht mehr lange. Schon bald können unsere Besucherinnen und Besucher genau hier stehen.“ Um sie herum ragen die einzelnen Koksofenkammern in den Himmel, das Sonnenlicht legt sich warm auf die hellen Steine und verleiht ihnen damit den Anschein einer Arena im alten Rom. „Wow“, entfährt es Rudnik und er lacht: „Ich freue mich schon darauf, als ehemaliger Bergmann mehr über die Kokerei zu erfahren.“
Bevor die neue Vermittlungsstation „Beheizen“ für Führungen geöffnet werden kann, müssen unter anderem die Ofendecke über dem Steg geschlossen und die Medientechnik eingebaut werden. Lichtinstallationen sollen eindrucksvoll vermitteln, welche Kraft und Hitze hier einst herrschten und wie komplex die Technik der Kokerei war. In der Mitte des Stegs bleiben beide stehen. Tesche zeigt auf die Belüftungsschlitze in den Wänden der einzelnen Koksofenkammern. Ein Teil der bei der Koksproduktion entstehenden Gase wurde direkt wieder zum Beheizen der Öfen genutzt. Ein System, das sich – einmal in Gang gesetzt – selbst auf Temperatur hält, solange kontinuierlich Kohle eingefüllt wurde und die Koksöfen nicht auskühlten. Horst Rudnik betrachtet die Kammern. Früher arbeitete er mit der Kohle, bevor sie hierherkam. Jetzt steht er dort, wo sie weiterverarbeitet wurde.
Am Ziel
Schritt für Schritt wurde die einst größte Zentralkokerei Europas für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im September erreicht dieses weltweit einzigartige Projekt mit der Eröffnung der beiden finalen Vermittlungsstationen „Beheizen“ und „Umweltschutz“ die Zielgerade. Auch Christoph Tesche und Horst Rudnik kommen bei dem letzten Halt ihrer privaten Tour an: im ehemaligen Trockenfiltergebäude. Noch erhellt Baustellenbeleuchtung den Raum. Doch schon bald verdeutlichen Projektionen, historische Filmaufnahmen und vertonte Zitate aus den 1950er- und 1970er-Jahren, welche Auswirkungen der Betrieb der Kokerei auf Mensch und Umwelt hatte. Gemeinsam mit Ehemaligen wurde zudem eine Geruchsinszenierung realisiert, die Gästen eine Reise in die Zeit erlaubt, als die Schornsteine noch rauchten. Rudnik bleibt an einer Tafel stehen und liest vor: „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden.“ Diese Forderung formulierte Altkanzler Willy Brandt im Jahr 1961 – genau das Jahr, in dem die Kokerei Zollverein ihren Betrieb aufnahm. Sie wurde zum Sinnbild für ein wachsendes Bewusstsein für die Umweltbelastungen durch die Industrie. „Genau darum geht es hier“, sagt Tesche. „Wir möchten nicht nur zeigen, wie die Kokerei funktioniert hat. Sondern auch, welche Folgen derBetrieb hatte – und was damals getan wurde, um die Belastungen zu verringern.“
Horst Rudnik schaut sich noch einmal im Raum um. Von seiner eigenen Arbeit unter Tage bis zu den Auswirkungen des Bergbaus und der Koksproduktion über Tage hat die Tour einen großen Bogen gespannt. Und sie zeigt: Hinter der Backsteinfassade des UNESCOWelterbes Zollverein liegen noch immer zahlreiche unbekannte Orte. Orte, die nicht zugänglich sind. Orte, die in Vergessenheit geraten sind. Orte, die im Verborgenen liegen – oder gelegen haben. Zumindest bis jetzt.