Die Ausstellung „bau1haus – die Moderne von Essen bis Asmara!“ zeigt eine große Auswahl an Fotografien, mit denen der Berliner Fotograf Jean Molitor seit 2009 weltweit Spuren der klassischen Architekturmoderne dokumentiert. Kaum ein Ort könnte dafür passender sein als die Mischanlage der Kokerei des UNESCO-Welterbes Zollverein.
Auf das Thema klassische Moderne stieß der 1960 in Ost-Berlin geborene Jean Molitor zufällig. Nach seinem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig arbeitete er vorrangig als Straßenfotograf. 2009 reiste er nach Bujumbura, Burundi, um als Auftragsarbeit vom Abriss bedrohte Architektur der Moderne zu dokumentieren. „Dabei orientierte ich mich an der klassischen Architekturfotografie“, berichtet Jean Molitor. „Ich fotografierte von einem erhöhten Standpunkt aus, möglichst wenig verzerrt und frei von allem, was nicht zur Architektur gehört.“ Dafür fuhren sein Team und er früh morgens durch die noch relativ menschenleeren Straßen – und staunten beim Anblick der Fotos über die große Ästhetik der Architektur, die sie vor Ort kaum wahrgenommen hatten.
Einmal sensibilisiert für die Architektur der klassischen Moderne, allen voran des Bauhaus, ließ Molitor das Thema nicht mehr los. In 70 Ländern weltweit hat er sich mittlerweile auf fotografische Spurensuche begeben. Seit 2016 begleitet Architekturhistorikerin Dr. Kaija Voss das Projekt fachlich. Die Ausstellung „bau1haus – die Moderne von Essen bis Asmara!“ präsentiert auf Zollverein etwa 300 der Fotografien. Zusätzlich schauen Besucherinnen und Besucher hinter die Kulissen: Neben einem Making-of-Film bringen Bildertafeln, auf denen bis zu 800 kleinformatige Aufnahmen Molitors zu sehen sind, die Arbeit des Fotografen auf Reisen näher – ein faszinierender Fundus an Impressionen, vom Straßenfoto bis zum architektonischen Detail.
Dokumentieren und bewahren
Ähnlich wie für Bernd und Hilla Becher, die mit ihren Fotografien von Industriebauten den Blick für die Vielfalt und Ästhetik von beispielsweise Fördertürmen schärft en, steht für Molitor die Dokumentation der Bauten im Fokus. „Einige der fotografierten Gebäude sind mittlerweile abgerissen. In anderen Fällen haben die Fotos überhaupt erst darauf aufmerksam gemacht, dass es bessere Möglichkeiten als den Abriss geben kann“, erläutert der Fotograf. „Ich sehe in meiner Arbeit auch eine Vorstufe zu der Frage, ob man abreißt oder bewahrt.“
Geschichte der weltweiten Verflechtungen
Der internationale Fokus macht die Sammlung einzigartig. Die Bilder erzählen nicht nur eine Geschichte der Architektur, sondern auch der Verflechtungen. „Man sieht, dass der Globalismus nicht erst seit dem Internet eine Rolle spielt“, berichtet Jean Molitor. „Der Austausch von neuen Erkenntnissen ging schon immer auf Reisen.“
In den Aufnahmen vom afrikanischen Kontinent wiederum tritt die Moderne in ihrer problematischen Rolle als koloniales Erbe in Erscheinung. Ein Beispiel ist die stark italienisch geprägte Architektur im Stadtzentrum von Asmara, der Hauptstadt von Eritrea, die bis in die 1940er-Jahre unter italienischer Kolonialherrschaft stand und seit 2017 zum UNESCO-Welterbe zählt. Molitors fotografische Arbeit ist hier zugleich Teil eines größeren Diskurses über Erinnerungskultur, Verantwortung und die Frage, wie eine Auseinandersetzung mit Vergangenheit gestaltet werden kann.
Zollverein als passende Location
Welterbe-Bauten hat Molitor schon viele fotografiert. Dass er jetzt ausgerechnet auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein ausstellt, ist für den Fotografen ein Glück: „Natürlich denke ich bei Zollverein an Bernd und Hilla Becher, mit deren Arbeiten ich durch Professor Arno Fischer in Leipzig schon früh in Berührung kam“, sagt er. „Die beeindruckende Industriearchitektur und die Art, wie auf Zollverein Geschichte erhalten und erlebbar gemacht wird, ist phänomenal. Es ist eine tolle Location für die Ausstellung – ästhetisch gesehen, aber auch vom logischen Kontext her.“