Frau Reichart, wenn Sie an Ihren ersten Arbeitstag denken, an was erinnern Sie sich?
Vor allem an die große Freude. Es war ein sonniger Frühlingstag, als ich morgens auf dem Gelände angekommen und die Treppe zu meinem Büro in der Stiftung hinaufgegangen bin. Der erste Tag ist dann direkt mit vielen Gesprächen gestartet, mit meinem Vorstandskollegen Christoph Tesche, mit Dietmar Osses vom Ruhr Museum und den Kolleginnen der Abteilung Kunst und Kultur. Ganz spontan ergab sich außerdem ein Besuch im Kunstschacht. Das war natürlich ein sehr passender Auftakt.
Sie kannten Zollverein bereits gut aus vorherigen Tätigkeiten. Was verändert sich, wenn man den Ort als Verantwortliche erlebt?
Durch meine vorherige Tätigkeit beim Regionalverband Ruhr war mir Zollverein bereits bestens vertraut. Aber als Mitglied des Vorstandes der Stiftung Zollverein Verantwortung für die Weiterentwicklung des UNESCO-Welterbe Zollverein tragen zu dürfen, ist etwas ganz Besonderes. Es war für mich interessant zu sehen, wie man den Standort direkt anders wahrnimmt und sich der Blick verändert. Ich bin zum Beispiel über die Bandbrücke von der Zeche zur Kokerei gegangen. Dieser Weg ist für Besuchende nicht zugänglich und ich kannte ihn daher noch nicht. Solche neuen Perspektiven lösen sofort Gedanken und Ideen bei mir aus. So fragte ich mich etwa: Welche Orte lassen sich wie miteinander verbinden? Wie können bestehende oder neue Wege, Sichtachsen und räumliche Beziehungen stärker inszeniert und erlebbar gemacht werden? Besonders wichtig ist mir dabei die bereits erwähnte Linie zwischen Zeche und Kokerei. Wenn Menschen an das UNESCO-Welterbe Zollverein denken, haben viele zunächst den Doppelbock vor Augen. Dabei bietet auch die Kokerei außergewöhnliche Räume und ganz eigene Möglichkeiten.
Warum ist Zollverein ein ganz besonderer Kunst- und Kulturstandort?
Zollverein steht wie kaum ein anderes UNESCO-Welterbe für Veränderung. Kunst und Kultur können diesen Wandel voranbringen und erlebbar machen. Das hat auf Zollverein eine lange Tradition. Der große Unterschied zu einem klassischen Museum oder einem Konzerthaus liegt für mich darin, dass Kunst auf Zollverein nie losgelöst vom Ort erlebt wird. Die künstlerische Position trifft auf die außergewöhnliche Architektur, auf Industriegeschichte und die enorme Größe der Räume. Daraus entsteht eine ganz besondere Verbindung.
Welche Angebote und Kooperationen möchten Sie weiterentwickeln?
Ich möchte Zollverein wieder stärker als Ausstellungsund Produktionsort für Kunst etablieren und dabei besonders die Kokerei sichtbarer machen. Dafür brauchen wir Künstlerinnen und Künstler, die Freude daran haben, sich mit diesem einzigartigen Ort auseinander zu setzen. Und wir brauchen starke Partnerschaften. So hat beispielsweise die Residenz des Klavier-Festivals Ruhr auf der Kokerei in diesem Sommer gezeigt, welche Attraktivität wir als Ankerpunkt für unsere Partner haben können. Solche Kooperationen möchte ich weiterführen und vertiefen. Das gilt auch für die Zusammenarbeit mit der Ruhrtriennale und vielen anderen Kooperationspartnern aus dem Ruhrgebiet und darüber hinaus.
Welche Rolle spielen dabei insbesondere Veranstaltungen im Freien?
Eine sehr große. Open-Air-Veranstaltungen bieten eine besondere Atmosphäre. Sie schaffen weitere Anlässe nach Zollverein zu kommen und bringen Menschen unter freiem Himmel zusammen. Gleichzeitig stärken sie die Verbindung ins Quartier. Zollverein soll für die Menschen aus den umliegenden Stadtteilen selbstverständlicher Teil ihres Alltags und ihrer Freizeitgestaltung sein. Als Kulturort – oder ganz einfach als Treffpunkt.
Gibt es eine künstlerische Idee, die Sie besonders reizt?
Ohne bestimmte Künstlerinnen oder Künstler zu nennen, finde ich installative Arbeiten interessant, bei denen das Publikum nicht nur Betrachter ist, sondern selbst Teil der Arbeit wird. Installationen, die unmittelbar erlebbar sind. Auch die vielen Wege auf dem Gelände bieten großes Potenzial. Da sind wir wieder beim Thema der Verbindungen. Ich kann mir gut vorstellen, diese Linien künstlerisch sichtbar zu machen. Ich möchte Künstlerinnen und Künstler einladen, Zollverein zu erkunden, sich intensiv mit den Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen eines solchen Ortes auseinander zu setzen und daraus Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Die so entstehenden Kunstwerke können ganz neue Erlebnisräume schaffen.
Wen möchten Sie mit Kunst und Kultur künftig stärker erreichen?
Im Ruhrgebiet ist Zollverein bereits fest als Kulturort verankert. Wir müssen aber über die Region hinaus national und international stärker wahrgenommen werden. Das sind wir unserem Status als UNESCO-Welterbe schuldig. Deshalb war aus meiner Sicht auch die Eröffnung der Manifesta, der Europäischen Nomadischen Biennale, die alle zwei Jahre in einer anderen europäischen Stadt oder Region zu Gast ist, auf Zollverein von so großer Bedeutung. Wir durften eine Vielzahl von internationalen Delegationen, Kunst- und Kulturschaffenden aus dem In- und Ausland sowie Pressevertreterinnen und -vertreter begrüßen. Gleichzeitig dürfen wir nie unsere Wurzeln aus dem Blick verlieren.
Wir müssen die Menschen aus den umliegenden Stadtteilen einbeziehen und Angebote entwickeln, die immer wieder neu für Zollverein begeistern. Zollverein kann durch seine Größe und Architektur für manche etwas abweisend wirken. Kunst und Kultur tragen wesentlich dazu bei, dass das Welterbe ein lebendiger Ort des Austauschs und der Begegnung ist und bleibt.
Haben Sie bereits einen persönlichen Lieblingsort?
Ich bin sehr gern im Zollverein Park. Hier atme ich durch und genieße die Natur, die sich das Gelände zurückerobert hat. Aber ich habe bereits ganz Zollverein in mein Herz geschlossen. Dieser Ort hat eine besondere Energie.